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Der Fachkräftemangel in Deutschland weitet sich aus. Inzwischen ist er größer als vor Einbruch der Corona-Pandemie. Experten fordern energisches Handeln, denn der Blick in die Zukunft ist nicht rosig.

Zwei Drittel der Firmen kämpfen mit Fachkräftemangel


Der Fachkräftemangel in Deutschland ist einer Umfrage zufolge für zunehmend viele Unternehmen ein Problem. Zwei Drittel der befragten Entscheider aus unterschiedlich großen Unternehmen kämpfen mit Fachkräfteengpässen. Nur 29 Prozent sehen sich davon aktuell nicht betroffen. Das geht aus einer Befragung des Forschungsunternehmens Civey im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor, an der sich von August bis Oktober rund 7500 Entscheiderinnen und Entscheider beteiligt hatten.

„Es ist eine Riesenbaustelle, auch für eine neue Bundesregierung“, sagte der Migrationsexperte der Stiftung, Matthias Mayer, am Donnerstag. Im Vergleich zur Umfrage 2020 – damals hatten 55 Prozent Engpässe und 38 Prozent keinen Mangel angegeben – bedeute das Ergebnis eine Verschärfung. Die derzeit beschriebene Lücke falle auch größer aus, als die Unternehmen vor Jahresfrist erwartet hätten, hieß es in Gütersloh.

Dabei unterscheidet sich die Lage je nach Branche, Region, Berufsbild und Qualifikation. Es fehlen vor allem Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung – hier berichteten 48 Prozent der Befragten von Engpässen. Für Akademiker gaben das nur 27 Prozent der Unternehmen an.

Mangel größer als vor Corona

Der Pflegebereich und der gesamte Gesundheitssektor sind laut Erhebung besonders vom Fachkräftemangel betroffen. Ärztepräsident Klaus Reinhardt hatte kürzlich sogar vor einem Personalkollaps im Gesundheitswesen gewarnt. Mehr als die Hälfte der befragten Entscheider beklagt aber auch im Handel Personalnot. Der Blick auf die Bundesländer zeigt: Das Problem besteht fast überall.

„Der Fachkräftemangel wird immer mehr ein strukturelles Problem“, schilderte Alexander Burstedde vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Situation. Im Handwerk, in technischen Berufen, im sozialen Bereich, bei Gesundheit und Erziehung sei die Lücke erheblich. Auf dem Höhepunkt der Pandemie habe Personalnot keine größere Rolle gespielt. „Kaum ebbt die Pandemie ab, ist der Mangel wieder voll da.“

„Wenn in einem kleineren Unternehmen mit 20 Personen eine zentrale Maschine nicht mehr bedient werden kann, wird man den Betrieb im schlimmsten Fall schließen müssen“, warnt Burstedde. Das IW geht von 390.000 fehlenden Fachkräften aus. Damit sei der Mangel größer als vor Pandemieausbruch im März 2020.

Grafik: picture alliance/dpa-Infografik

Eine Trendwende zeichnet sich nicht ab: 67 Prozent der befragten Unternehmensentscheider befürchten, dass sie auch 2022 über weniger Fachkräfte als benötigt verfügen werden. Tatsächlich sind die Aussichten nicht rosig, wie die Stiftung analysiert: „Der demografische Wandel lässt das einheimische Fachkräftepotenzial in den kommenden Jahren drastisch schrumpfen.“ Mayer nannte die Lage „beunruhigend“.

Schon seit Längerem kommen aus der Wirtschaft Rufe nach mehr und gezielter Einwanderung von Fachkräften. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, hatte im August gesagt, Deutschland brauche 400.000 Zuwanderer pro Jahr, um den zunehmenden Fachkräftemangel auszugleichen. Die Befragung zeigt nun aber:

Fachkräftezuwanderung spielt für Unternehmen „nur eine untergeordnete Rolle“. Lediglich 16 Prozent setzen aktuell auf die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland. Größere Firmen beschäftigen diese etwas häufiger als kleine und mittlere Betriebe. Mayer ergänzte, in der Corona-Krise sei es hier zwar nicht zu einem Einbruch gekommen, eine gewisse pandemiebedingte Zurückhaltung sei aber möglich.

Wie lässt sich gegensteuern? Mayer mahnte Anstrengungen an, um das inländische Arbeitskräfteangebot bestmöglich zu mobilisieren und bestimmte Berufe wieder attraktiver zu machen. Viele Unternehmen bauten auch auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Wichtige Hebel bei der Fachkräftezuwanderung sind nach seiner Einschätzung auch, bürokratische Hürden weiter abzubauen, ausländische Abschlüsse leichter anzuerkennen und die Vermittlung von Personal auszubauen. Auch wenn einiges verbessert worden sei, wie etwa das Fachkräfteeinwanderungsgesetz von März 2020, bleibe es bei vielen Hindernissen.

Burstedde zufolge muss der Blick unbedingt über die EU hinaus geweitet werden: Um Leute zu gewinnen, „die was können“, sollten die Aufnahmebedingungen besser werden. Wenn man ein Jahr auf ein Visum warten müsse, als Informatiker erst Deutsch lerne solle, obwohl Englisch gängige Fachsprache sei oder in anderen Ländern mehr verdiene, sei das Locken schwierig. „Wir sind da nicht so attraktiv und müssen noch eine Schippe drauflegen.“

320°/dpa/ep

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