Recycling in Deutschland

Quotenzauber, Recyclingmärchen und sich in die Tasche lügen: Die Bewertung der Recyclingerfolge fällt seit einiger Zeit deutlicher nüchterner aus. Gänzlich vernichtend wird das Urteil aber erst dann, wenn Cradle-to-Cradle-Mitbegründer Michael Braungart das Wort ergreift – wie in dieser Woche bei der Berliner Abfallwirtschaftskonferenz.

„Mein Gott, schämt Euch“


Für gewöhnlich hält Michael Braungart nicht lange hinterm Berg. Wenn der Chemiker und Mitbegründer des Cradle to Cradle-Konzepts das Wort ergreift, folgen in der Regel ein paar höfliche Komplimente für die Veranstalter, aber dann geht es recht zügig los. Was dann folgt, ist meist eine Abrechnung mit dem bestehenden System. Stets pointiert und unterhaltsam und stets eng verwoben mit der Werbung für sein Cradle to Cradle-Konzept.

Das Cradle to Cradle-Konzept ist einfach erklärt: Übersetzt heißt der Begriff „Von der Wiege zur Wiege“. Damit ist die potenziell unendliche Zirkulation von Materialien und Nährstoffen in Kreisläufen gemeint. Vorbild ist dabei die Natur.

Nach dem Cradle to Cradle-Konzept werden alle Produkte nach dem Prinzip einer potenziell unendlichen Kreislaufwirtschaft konzipiert. Damit unterscheidet sich das Konzept vom herkömmlichen Recycling. So bietet Cradle to Cradle den Unternehmen die Möglichkeit, ihre Produkte nicht mehr zu verkaufen, sondern lediglich zur Nutzung zur Verfügung zu stellen. Nach ihrem Gebrauch landen die Materialien wieder beim Produzenten, können sortenrein zurückgewonnen werden und bleiben so dem Kreislaufsystem erhalten.

„Dann macht man es perfekt falsch“

An Montag dieser Woche präsentierte Braungart seine Sichtweise vor dem Publikum der Berliner Abfallwirtschafts- und Energiekonferenz – dem Branchentreffen der Abfallverbrenner sozusagen. Braungart benutzt gerne die Formulierung, dass man die falschen Dinge perfekt machen kann und somit es perfekt falsch macht. Das treffe auch auf den Grünen Punkt zu.

„Der Grüne Punkt hat nichts für die Umwelt gebracht“, sagte Braungart. Heute gebe es mehr Verpackungen pro Kopf als jemals zuvor und noch immer seien die „gleichen giftigen Zutaten“ in den Verpackungen enthalten. „Wir haben nur eine gigantische Maschinerie entwickelt“, so Braungart.

Ein Joghurtbecher beispielsweise bestehe aus rund 600 verschiedenen Materialien. „Was sollen Sie denn damit recyceln? Das ist lächerlich. Das geht nur im Downcycling.“ Die Dinge sind nie für das Recycling entwickelt worden, sagte Braungart. Das sei eine Bankrotterklärung an die Wissenschaftler.

„Und das nennen wir Recycling?“

Exemplarisch dafür, wie sehr die Recyclingwirtschaft noch am Anfang steht, ist für Braungart die Rückgewinnung Seltener Elemente. „Von 41 Seltenen Elementen gewinnen wir nur neun zurück“, sagte er. Und unter diesen neun sei kein wirklich Seltenes Element dabei. Denn Gold sei nicht wirklich selten, sondern nur teuer zu gewinnen, erklärte Braungart. „Und das nennen wir Recycling? Mein Gott, schämt Euch.“

Ein weiteres Beispiel ist das Recycling von Stahllegierungen. Ein Mercedes habe 46 verschiedene Stahllegierungen, sagte der Wissenschaftler. „Und was machen wir daraus? Baustahl. Dümmer geht’s doch gar nicht.“ Alles gehe bei dieser Vorgehensweise verloren, weil es im Baustahl verdünnt werde: Nickel, Kobalt, Mangan, Palladium, Kupfer oder Titan. „Und das nennen wir Recycling?“

Müllverbrennungsanlagen befristen

Nach Braungarts Überzeugung hat ein Produkt, das Abfall wird, einfach nur ein Qualitätsproblem. „Sonst gar nichts. Es ist einfach nur schlechte Qualität.“ Nach dem Cradle to Cradle-Konzept hingegen falle erst gar kein Abfall an. Dabei gehe es darum, positiv zu definieren, was in das Material reingeht, nicht darum zu definieren, inwiefern es „frei von“ bestimmten Stoffen ist.

Und am Ende des Vortrages hatte Braungart für die Abfallverbrenner auch noch einen Vorschlag parat. „Lassen Sie uns die Verbrennungsanlagen befristen. Lassen Sie uns sagen: Ab 2030 wird es für gemischten Hausmüll keine Verbrennungsanlagen mehr geben.“ Denn mit Müllverbrennungsanlagen als Allesschlucker bleibe man auf halbem Weg hin zu Innovationen stehen.

Die Abfallverbrennung benötige man noch als Übergangstechnologie, erklärte er. Aber man sollte beginnen, Zeichen zu setzen, etwa mit einem Annahmestopp für Papier oder Windeln. „Wenn man sagen würde, wir wollen keine Windeln mehr verbrennen, dann ändert sich das ganze Spiel“, betonte Braungart. Dann wäre der Weg frei für innovative Verfahren.

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