Gastbeitrag

Für die Herstellung von eFuels wird mehr Energie benötigt als bei direktelektrischen Anwendungen. Doch erneuerbarer Strom lässt sich importieren. Das Ergebnis solcher globalen Energie-Partnerschaften wäre eine klassische Win-Win-Situation. Ein Gastbeitrag von eFuel Alliance-Geschäftsführer Ralf Diemer.

„Für den Energiewandel brauchen wir Partnerschaften“


Von Ralf Diemer, efuel Alliance

Stellvertretend für viele hoch entwickelte Industrieländer steht Deutschland vor der großen Herausforderung, wie die Klimaziele umgesetzt werden sollen. Der neue Wirtschafts- und Energieminister Robert Habeck zeigte in seiner Bilanz zur Klimapolitik, dass Deutschland weit entfernt ist diese zu erreichen. Aktuell werde man nur eine 50 Prozent Reduktion von Treibhausgasen bis 2030 im Vergleich zu 1990 erzielen. Damit verfehle Deutschland seine Ziele um 15 Prozent.

Auch im Bereich erneuerbarer Energien ist in Deutschland Wunsch und Realität weit voneinander entfernt. Im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung werden 80 Prozent erneuerbare im Jahr 2030 als Ziel definiert. Ein weiter Weg. Der Ausbau stockt und grüne Energien waren 2021 sogar rückläufig.

Gleichzeitig werden wir in Deutschland in Zukunft große zusätzliche Mengen (idealerweise erneuerbaren) Stroms brauchen, weil wir die auslaufenden Atom- und Kohlekraftwerke ersetzen müssen und gleichzeitig massiv gestiegene Strombedarfe durch Elektrifizierung im Transport, unseren Wohnungen und der Industrie haben werden. Allein die Versorgung der chemischen Industrie würde den aktuellen gesamten Strombedarf in Deutschland übersteigen. In Habecks Eröffnungsbilanz wird ein Strombedarf für das Jahr 2030 in Höhe von 715 Terrawattstunden angenommen – im Vergleich zu derzeit 560 Terrawattstunden. Der Anteil weltweiter erneuerbarer Energien an der Energieerzeugung wächst zwar stetig, lag im Jahr 2019 aber nur bei 23,2 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) konkludiert, dass erneuerbare Energien zur Erreichung von „Netto-Null-Emissionen bis 2050“ einen Anteil von mehr als 60 Prozent an der Stromerzeugung bis 2030 erreichen müssen. Global ist die Lücke also noch größer.

Ralf Diemer (Foto: efuel Alliance)

Die Herausforderung der viertgrößten Wirtschaftsnation lassen sich sicher nicht in allen Punkten auf andere Länder übertragen. Allerdings gibt es weltweit eine Vielzahl von Ländern, deren erneuerbare Energie-Potenziale nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken, beispielsweise dicht besiedelte asiatische Länder wie Japan, Indonesien oder Indien. Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch fortschreitende Entwicklung in vielen Ländern erfreulicherweise an. Denn Strom bedeutet mehr Lebensqualität und steigende Lebensstandards, zum Beispiel durch bessere Gesundheitssysteme. Die IEA prognostiziert einen weltweiten Anstieg des Strombedarfs um 4 Prozent im Jahr 2022. Gleichzeitig steigen die CO2-Emissionen im Elektrizitätssektor auf ein Allzeithoch.

Ein weiteres anschauliches Beispiel ist der Mobilitätssektor als einer der größten globalen Emittenten. Allein der weltweite Bestand an Fahrzeugen betrug 2020 über 1,4 Milliarden Pkw, wovon die überwältigende Mehrheit mit Verbrennungsmotoren betrieben wird. Dazu kommen andere Bereiche wie Schifffahrt oder Luftfahrt. Hierfür wurde noch keine technische Lösung entwickelt.

Die Lücke von Nachfrage und Bedarf zeigt, dass der Ausbau erneuerbarer Energien die größte Hürde darstellt – und zwar weltweit. Die Klimakrise ist das globale Problem unserer Zeit. Und der internationalen Dimension entsprechend benötigt die Lösung einen weltweit denkenden Ansatz. Treibhausgase und fossile Energieträger müssen überall reduziert werden. Das Problem ist klar: Wollen wir auch zukünftig nachhaltig leben, mobil sein und klimaneutral wirtschaften, so brauchen wir Energie, sehr viel Energie sogar, und diese muss aus erneuerbaren Energien stammen.

Wo finden wir diese grünen Energien in ausreichendem Maße?

Das Gute ist, es gibt eine Lösung für dieses Problem: Ob Wasserkraft in Norwegen, Windkraft in Chile oder Sonnenenergie in der Sahara. Ideale Standorte gibt es in vielen unterschiedlichen Ländern. Noch erfreulicher ist, dass die Energie nicht nur vorhanden ist, sondern es auch Möglichkeiten gibt diese zu erzeugen, zu speichern und mit bestehenden Infrastrukturen zu verteilen.

Genau das ist der Grundgedanke der Herstellung und Nutzung von synthetischen Kraftstoffen. Denn scheint in den sonnigsten Flecken in Deutschlands, wie beispielsweise Freiburg, die Sonne durchschnittlich 1700 Stunden im Jahr, so scheint sie in der Sahara 4300 Stunden im Jahr. Ein Windrad in Chile hat rund 4x mehr Volllaststunden als ein vergleichbares in Deutschland.

Richtig ist, dass für die Herstellung von eFuels mehr Energie benötigt wird als bei direktelektrischen Anwendungen. Das wird jedoch durch die höhere Energieausbeute an günstigen Standorten kompensiert, womit sich Effizienzunterschiede in der Herstellung zu beispielsweise direkter Elektrifizierung angleichen. Denn klar ist auch: Der erneuerbare Strom aus Patagonien oder Nordafrika lässt sich nur durch die Umwandlung in „transportable“ Moleküle importieren.

Gleichzeitig wird Technologie exportiert, in anderen Ländern investiert und Wertschöpfung generiert. Durch die Analyse von Multiplikatoreffekten, die die Auswirkungen von Investitionen vor Ort verstärken, zeigen Untersuchungen, dass die Produktion von eFuels bis zu 278.700 neue Arbeitsplätze schaffen könnte, 18.900 direkt und 259.800 indirekt bei Vorlieferanten. Dies gilt für fast alle Länder Afrikas und des Nahen Ostens, aber auch für große Teile Mittel- und Südamerikas und viele Länder Asiens sowie Australiens. Davon würden vor allem wirtschaftlich schwächere Länder profitieren, aber auch solche, die stark vom Export fossiler Energieträger abhängig sind. Weitere Untersuchungen am Beispiel Marokko zeigen, dass jeder investierte Euro in eFuels vor Ort zusätzlich 12 € an Wertschöpfung generiert.

Eine klassische Win-Win-Situation. Durch globale Energie-Partnerschaften kann der Energiewandel eine globale Erfolgsgeschichte werden.

Grafik: efuel Alliance

Oft ist es auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit: In ersten Ausschreibungen für PV-Flächen wurden im Mittleren Osten Stromgestehungskosten von um die 1 ct/kWh erreicht. Demgegenüber stehen PV-Stromgestehungskosten in Deutschland von aktuell je nach Anlagentyp und Sonneneinstrahlung zwischen 3,12 und 11,01 €Cent/kWh. Kostenparität kann also auch mit 3-11-fachen Energieverlust für Umwandlung z.B. in eFuels und Transport erreicht werden, wenn Nutzungsfläche kein limitierender Faktor ist. In einer globalisierten Welt muss nicht alles vor Ort hergestellt werden.

Ein weiterer Vorteil der globalen Perspektive ist die Geschwindigkeit. Durchschnittlich dauert allein der Prozess der Planung und Genehmigung eines Windrades in Deutschland 4 bis 5 Jahre.  So viel Zeit haben wir nicht, um den Klimawandel zu stoppen. Das soll beschleunigt werden und das ist dringend nötig. An weltweit geeigneten Standorten, in denen es keine Nutzungskonkurrenz gibt und die dünn besiedelt sind, kann das in einem Bruchteil der Zeit erreicht werden. Unsere Mitglieder zeigen in unterschiedlichen Projekten z.B. in Chile, dass innerhalb von 3 Jahren nicht nur die EE-Anlagen, sondern auch die Elektrolyse und Syntheseanlagen errichtet werden können.

Hinzu kommt, dass Energieautonomie, beispielsweise in der Europäischen Union, kaum erreichbar ist. Das ist keine Frage des Ausbaus von erneuerbaren Energien, sondern war bzw. ist auch in Zeiten von fossiler oder atomarer Versorgung nicht anders gewesen. Im Jahr 2019 importierte die EU beispielsweise 60,2 Prozent ihrer Energie – so viel wie noch nie. Durch die Verteilung der Versorgung auf viele Schultern wird eine Abhängigkeit von einzelnen Ländern vermieden.

Mit Blick auf die EU lässt sich feststellen, dass die Kommission richtigerweise die Vorreiterrolle im Klimaschutz übernehmen möchte. Mit dem richtungsweisenden „Fit for 55“ Klimapaket wurden die Weichen für die nächste industrielle Revolution gestellt, wenn auch die Ausgestaltung noch Verbesserungspotenzial bietet. Beispielsweise könnte durch eine ambitioniertere erneuerbare Energien Richtlinie (RED) mit einer erhöhten Treibhausgasreduktion im Verkehrssektor in Höhe von mindestens 20 Prozent im Jahr 2030 Anreize in notwendige Investitionen in die Produktion nachhaltiger Kraftstoffe geschaffen werden. Als Unterziel für erneuerbare Kraftstoffe sollte ein Anteil von mindestens 5 Prozent festgelegt werden, um den Markthochlauf zu beschleunigen.

Die Europäische Kommission betont, dass Klimaschutz „sozial und gerecht“ sein muss, wenn er erfolgreich sein möchte. Das betrifft die Mitgliedsstaaten der EU, aber im gleichen Maße auch die weltweite Staatengemeinschaft. Wenn andere Staaten nicht beteiligt werden, werden wir sie auch nicht von einem Wandel überzeugen. Im Gegenteil, gerade die weltweite Vernetzung der europäischen Wirtschaft bietet den Hebel global für eine Veränderung zu sorgen und Millionen Arbeitsplätze in der globalisierten Welt zu sichern. Am Ende müssen wir bessere Geschäftsmodelle entwickeln als das Fördern von fossilen Kraftstoffen.

Eine nun stattfindende und grundlegende Transformation bietet viele Chancen. Diese sollten wir nicht verstreichen lassen. Am Ende könnten vielfältige globale Märkte stehen, von deren Wertschöpfung viele Regionen profitieren. Und nicht zu vergessen: die Erderwärmung verhindern wir nur gemeinsam. Lassen Sie uns daran arbeiten.

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