Konjunktur

Die Industrieproduktion in Deutschland war im Oktober besser als erwartet. Möglicherweise wird der befürchtete Abschwung kleiner ausfallen als befürchtet, sagen Ökonomen. Die Bundesregierung bleibt skeptisch.

„Lage ist besser als die Stimmung“


Die deutsche Industrie hat ihre Produktion im Oktober trotz Energiekrise, Preisanstiegs und Lieferproblemen überraschend stabil gehalten. Gegenüber dem Vormonat sank die Gesamtherstellung um 0,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. Bankvolkswirte hatten einen deutlicheren Rückgang von im Schnitt 0,6 Prozent erwartet.

Die Entwicklung im September fiel besser aus als bisher bekannt: Anstatt eines Anstiegs um 0,6 Prozent ergibt sich nach neuen Daten ein Zuwachs um 1,1 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stagnierte die Produktion im Oktober.

„Zeichen der Hoffnung“

Das Bundeswirtschaftsministerium kommentierte die Zahlen dennoch verhalten: Die Produktion sei schwach ins vierte Quartal gestartet, der Ausblick bleibe eingetrübt. Die Industrie leidet seit längerem unter den wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs und anhaltenden Problemen im internationalen Warenhandel.

Weniger skeptisch zeigten sich Fachleute aus den Banken. Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, sprach von einem Zeichen der Hoffnung, dass die befürchtete Delle in der Industrie kleiner ausfallen werde als befürchtet. Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg kommentierte, der Absturz vieler Frühindikatoren werde von der Realwirtschaft nicht nachvollzogen. „Einstweilen gilt daher, dass die Lage besser ist als die Stimmung.“

Gestützt wurde die Gesamtproduktion durch den Bausektor, der im Monatsvergleich kräftig um 4,2 Prozent zulegte. Das Wirtschaftsministerium verwies auf die milde Witterung als möglichen Grund. Dagegen sank die Warenherstellung in der Industrie leicht um 0,4 Prozent. Die Energieproduktion gab deutlich um 7,6 Prozent nach. Laut Ministerium könnte dies auf Energiesparanstrengungen zurückzuführen sein.

Bau: Rückgang von 7,2 Prozent im kommenden Jahr

Vor allem der Bausektor dürfte aber in Zukunft etwas schwächer abschneiden. Nachdem die Baubranche in den vergangenen Jahren im Höchsttempo unterwegs war und sich auch nicht von der Corona-Krise ausbremsen ließ, stottert der Motor inzwischen kräftig. Steigende Zinsen und hohe Baukosten machen dem Gewerbe zu schaffen.

Insbesondere im Wohnungsbau springen Auftraggeber und Investoren ab. In Der ohnehin schleppende Neu- und Ausbau gerät weiter ins Stocken, für Wohnungssuchende bleibt die Lage vielerorts angespannt. „Wenn das Bauhandwerk leidet, leiden auch die Menschen“, sagt der Präsident des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), Reinhard Quast.

Der Verband geht für dieses Jahr von einem Branchenumsatz in Höhe von rund 158 Milliarden Euro aus. Die Preissteigerungen mit einberechnet wäre das ein Umsatzrückgang von 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für das kommende Jahr prognostiziert der ZDB einen preisbereinigten Rückgang von 7,2 Prozent. „Das ist gewaltig“, sagt Quast. Gleichwohl sprach er mit Blick auf die Branchenkonjunktur lediglich von einer Delle.

Viele Stornierungen

Die schwache Prognose spiegelt sich laut ZDB auch in der Stimmung bei den Unternehmen wider. Zwar bewerte ein Großteil der Betriebe die derzeitige Geschäftslage einer Verbandsumfrage zufolge weiterhin als gut oder zumindest als befriedigend. Fast zwei Drittel der befragten Unternehmen gehe aber von einer Verschlechterung der Situation in den nächsten sechs Monaten aus. „Das sind 15 Prozentpunkte mehr als in der Frühjahrsumfrage“, teilt der ZDB mit.

Insbesondere die bisher gute Auftragslage trübt sich ein. Während der Bund viele Milliarden in die Infrastruktur investieren will, fehlt laut Quast vor allem in den Kommunen oft das Geld für öffentliche Bauaufträge. Im Wohnungsbau sprängen Investoren ab, weil sich die Projekte angesichts der hohen Baukosten und steigender Zinsen nicht mehr rechneten.

Das gelte auch für private Bauherrinnen und Bauherren. „Wir sehen eben auch besonders viele Stornierungen“, sagt ZDB-Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa. „Üblicherweise haben wir bei den Stornierungen eine Quote von so ein, zwei Prozent.“ Aktuell liege sie im zweistelligen Prozentbereich. Viele könnten bereits vertraglich vereinbarte Projekte auch aufgrund der steigenden Kreditzinsen nicht mehr finanzieren und kündigten.

Hohe Zinsen sollten eigentlich zu sinkenden Immobilienpreisen führen. Doch dieser Effekt werde durch die steigenden Baupreise weitgehend kompensiert, betonte Quast. Zwischen Januar und August dieses Jahres haben sich laut ZDB die Preise für Wohnungsbauleistungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 16 Prozent erhöht.

320°/dpa/re

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