Rückläufiger MVA-Markt

Gesättigte Märkte im Norden und fehlende Behandlungskapazitäten im Süden. Europa braucht Partnerschaften zur thermischen Verwertung, fordert der MVA-Hersteller Martin. Sonst droht dem Anlagenbau eine dramatische Situation.

„Macht den Müll mobil“


Der Blick nach Europa ist mit den Augen eines MVA-Herstellers besonders trüb: In Ländern wie Deutschland oder Schweiz stehen keine Neubauten an, Skandinavien hat ebenfalls ausreichend Kapazitäten, Polen wartet die erste Vergabewelle ab und Großbritannien geht einer Sättigungsphase entgegen. Hinzu kommt, dass Projekte in Süd- und Südosteuropa nur vereinzelt entwickelt werden. In Osteuropa einschließlich Russland bleibt die Entwicklung fraglich.

Folie1Für Johannes Martin, Inhaber des gleichnamigen MVA-Herstellers Martin, ist deshalb das Fazit klar: „Das Marktvolumen wird sich mindestens halbieren“, sagte er vergangene Woche auf der Berliner Abfallwirtschaftskonferenz. Der größte Markt in Europa – Großbritannien – stehe vor der Sättigung. Dorthin wurden im vergangenen Jahr knapp 53 Prozent aller neuen Verbrennungsanlagen in Europa vergeben. Dahinter folgt Litauen mit einem Anteil von rund 12 Prozent sowie Polen mit 10 Prozent und Schweden mit knapp 9 Prozent.

Weltweit betrachtet werden die meisten Anlagen nach wie vor in China gebaut. Auf die Volksrepublik entfielen 2012 knapp 69 Prozent aller Vergaben weltweit (ohne Europa). An zweiter Stelle steht Japan mit einem Anteil von knapp 27 Prozent sowie Indien mit 3,4 Prozent und Südkorea mit 1,4 Prozent.

Die Frage sei, ob das Richtige am richtigen Ort getan werde, sagte Martin in Berlin. In den 28 Staaten der EU würden derzeit jedes Jahr mehr als 90 Millionen Tonnen Abfälle deponiert. Trotz Artikel 16 der Abfallrahmenrichtlinie mit dem Prinzip der Nähe und Entsorgungsautarkie blieben „gewaltige Potenziale“ an Restabfällen in Europa. Diese könnten die vorhandenen thermischen Verwertungskapazitäten sicher abschöpfen. Deshalb wäre es allemal besser, moderne Verbrennungstechnologien zu nutzen und weiter auszubauen, als dem Unvermögen einiger Länder zuzusehen, belastbare Investitionsstrukturen zu schaffen, betonte Martin. „Mein Botschaft ist: Macht den Müll mobil.“ Auf diese Weise ließe sich der Müll vom Süden Europas in den Norden bringen.

Praxisbeispiele für grenzüberschreitende Entsorgungspartnerschaften gibt es bereits. So gelangen große Mengen aus Großbritannien und Irland auf das europäische Festland und Skandinavien. Auch Italien exportiert immer mehr Abfälle nach Deutschland, Österreich und die Schweiz. Jedes Jahr würden im Einklang mit der EU-Abfallverbringungsrecht, dem Basler Übereinkommen und der Verbringungsverordnung für Abfälle (VVA) 8 bis 10 Millionen Tonnen Abfall quer durch die EU transportiert, erklärte Carsten Stäblein, Chef der EEW Energy from Waste GmbH in Helmstedt. Auch deutsche Abfälle landeten in Müllverbrennungsanlagen in den Niederlanden, Belgien, Frankreich oder der Schweiz. Umgekehrt gilt das gleiche: Nach der Statistik des Umweltbundesamtes wurden 2012 rund 5,8 Millionen Tonnen Abfall aus EU- und EFTA-Staaten nach Deutschland importiert.

Der größte Teil der europaweiten Transporte wird dabei per Lkw abgewickelt, erklärte Stäblein. Allerdings sei die Lademenge auf 18 bis 23 Tonnen pro Lkw begrenzt. Bei einem Transportweg von 800 bis 1.000 Kilometern lägen die Kosten im Durchschnitt bei 50 bis 60 Euro pro Tonne, erklärte der EEW-Chef. Wählt man statdessen den Transport per Bahn, dann fielen für die gleiche Strecke zwischen 60 und 70 Europ pro Tonne an. Ein Gütertransportzug mit 20 Waggons könne im Durchschnitt bis zu 1.300 Tonnen Abfall verbringen.

Zunehmende Bedeutung gewinnt inzwischen auch der Transport per Schiff. Ein Küstenschiff könne zwischen 2.000 und 3.000 Tonnen Abfall laden und kostengünstig über weite Wege transportieren, erklärte Stäblein. Für 2.500 Kilometer benötige das Schiff etwa 10 Tage. Die Kosten dafür liegen ähnlich hoch wie mit dem Lkw: bei 50 bis 60 Euro pro Tonne.

 

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