Freiwillige Verpflichtung

Nach dem Willen der EU-Kommission soll die Industrie bis zum Jahr 2025 zehn Millionen Tonnen Recyclingkunststoffe in neuen Produkten einsetzen. Gut möglich, dass das klappen wird. Doch Branchenvertreter warnen, dass damit das eigentliche Ziel verfehlt werden könnte.

Zweifel am Erfolg der EU-Plastik-Strategie


Die EU-Kommission hat der Industrie eine Frist bis Oktober gesetzt: Bis dahin soll sie freiwillige Verpflichtungserklärungen abgeben, die deutlich machen, in welchem Umfang sie in Zukunft recycelte Kunststoffe einsetzen wollen. Die Vorgabe beträgt zehn Millionen Tonnen – zu leisten ab dem Jahr 2025.

Das wäre ein deutlicher Sprung nach vorne. Denn bislang sind es nur knapp drei Millionen Tonnen Kunststoffe, die als Recyclate wieder in der Produktion eingesetzt werden. Kommen also mit der EU-Plastikstrategie prächtige Zeiten auf die Kunststoffrecycler zu?

Nicht unbedingt, meinen Vertreter der Recyclingbranche. Einer der Skeptiker ist BDE-Präsident Peter Kurth. Man müsse natürlich abwarten, was die Industrie an freiwilligen Verpflichtungserklärungen abgegeben wird, sagte er beim Pressegespräch anlässlich des Kasseler Abfallforums. Doch große Erwartungen hat er nicht. „Meine persönliche Meinung ist, dass die freiwilligen Erklärungen nicht ausreichen werden“, sagte er.

Die einzelnen Produzenten würden sich nämlich nicht verpflichten, sondern nur etwas in Aussicht stellen. „Die sagen ja nicht, koste es, was es wolle, ich werde auf jeden Fall folgenden Prozentsatz erreichen, sondern die sagen, sie können sich das vorstellen, wenn die Marktbedingungen stimmen“, betonte Kurth. „Das ist vieles, aber keine Verpflichtung. Das ist nicht belastbar.“

„Dann bekommen wir nicht das, was wir brauchen“

Ähnliche Zweifel hat auch Helge Wendenburg, Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium. „Ich befürchte, dass wir etwas ganz anderes erleben. Dass wir die zehn Millionen Tonnen erreichen und dann die Kommission ihre Arbeit einstellt.“

Wendenburg verweist darauf, dass Autohersteller wie Mercedes, VW oder BMW schon heute einen Anteil an Kunststoffrecyclaten in Höhe von 32 bis 37 Prozent erreichen. „Wenn also diese Tonnagen, die dahinter stehen, mit reingerechnet werden, dann sind wir locker bei zehn Millionen Tonnen.“ Zumal das auch andere Branchen wie etwa die Elektroindustrie machen werden.

Die Kunststoffrecyclate aber, die von der Automobilindustrie eingesetzt werden, seien in der Regel Abfälle aus der Kunststoffproduktion. Würde damit das Ziel von zehn Millionen Tonnen erreicht, „würden wir nicht das bekommen, was wir brauchen“, so Wendenburg. „Wir brauchen eigentlich die Post-Consumer-Abfälle sowohl aus der E-Schrott-Aufbereitung, aus der Altauto-Aufbereitung wie auch aus der Verpackungsaufbereitung.“

BMU prüft Vorschriften zum nachhaltigen Bauen

Ob es dafür eine gesetzliche Regelung bedarf, ließ Wendenburg offen. „Wir müssen erst einmal untersuchen, wie hoch die Mengen sind, die wir zur Verfügung stellen können und wie groß die Absatzchancen sind“, sagte er. Das BMU sei im Moment dabei, gemeinsam mit dem Bauressort zu prüfen, ob zu den Vorschriften über nachhaltiges Bauen dazu gehören sollte, dass Kunststoffrohre, die zumindest anteilig aus Recyclingmaterialien bestehen, eingesetzt werden müssen.

„Es gibt im Baubereich eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten für solche Kunststoffrohre“, betonte Wendenburg. „Wir kriegen momentan in der Diskussion einen leichten Zungenschlag rein, dass hochwertiges Recycling nur das Bottle-to-Bottle-Verfahren für PET-Flaschen ist. Das halte ich für falsch.“ Das Kunststoffrohr für den Abwasserkanal sei genauso hochwertig wie eine Flasche. Nach einer Nutzungsdauer von 30 Jahren Nutzungsdauer könne es wieder herausgenommen und recycelt werden.

Erst wenn solche Fragen abschließend geklärt sind, müsse man überlegen, wie man die Verwendung von RC-Materialien fördern kann. Eine große Rolle spiele dabei das Public-Procurement, so Wendenburg. „Da kann die öffentliche Hand wirklich vorangehen.“ Im Zuge dessen müsse aber zugleich geklärt werden, wie man für den Entscheider in der Kommune die Entscheidung vereinfachen könne.

320°/re

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